LISA ROSENDAHL
Katalogtext in: "The Battle of Coal/Kunst und Kohle", 2018
Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl

Bodenmomente
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Aus Sicht der Zukunftsforschung ist eines gewiss: Eines Tages – in ferner Zukunft – wird die Zeche Auguste Victoria, das Steinkohlebergwerk, um ein Neues geöffnet werden. Den Grund dafür kennen wir nicht, ebenso wenig wonach unsere Nachfahren auf der Suche sein werden. Aber aus heutiger Sicht und in Betracht des Verlaufs unserer Geschichte lässt es sich mit Gewissheit sagen, dass jemand aus diesem oder jenem Grund den Drang verspüren wird, die ausgehöhlten Tiefen, die wir hinterlassen haben, zu erforschen.

In 2015, nur zwei Wochen vor der endgültigen Schließung der Zeche und damit ihrer Versetzung in den Zustand eines ungewissen Schlafs, unternahm die Künstlerin, Antonia Low, eine Serie von Abformungen des Zechenbodens. Auf Schacht 4, in 886 Meter Tiefe, wurde schichtweise Latex über vier Bereiche der Bodenoberfläche gezogen und somit eine Reihe von Abformungen produziert, die sowohl die menschlichen Spuren des Abbaus als auch die Zeichen geologischer Prozesse erfassen. Die daraus resultierenden, skulpturalen Dokumente tragen Abdrucke von Schienen und von liegen gelassenen Unrats wie Plastiktüten, Ketten und Schrauben, ebenso wie organisch geformte Stalagmiten, die durch kumulativ kristallisierende Salzwassertropfen entstehen.

Die Fülle an Information, den die Gussformen über den Ort, in dem sie entstanden sind einfingen, erscheint insgesamt zu komplex und willkürlich, um für das menschliche Auge Sinn zu ergeben. Lediglich mit dem Hinweis zum Entstehungsort und zur Entstehungszeit präsentiert, sind sie Überbleibsel archäologischer Objekte oder forensische Zeugnisse, die es noch zu entschlüsseln gilt. In ihrem Schwebezustand zwischen konkreter Sachlichkeit und völliger Unlesbarkeit suggerieren die Skulpturen auf rätselhafte Weise das Potenzial eine Anzahl wichtiger Antworten in sich zu tragen – sofern wir nur wüssten, mit welchen Fragen zu investigieren. Dieses stumme Versprechen der voraussichtlichen Lesbarkeit gibt ihnen den Anschein die Gegenwart zu überbrücken und der noch nicht einsehbaren Zukunft von der fehlenden Vergangenheit erzählen zu wollen.

Wie der Titel suggeriert, sind Bodenmomente tatsächlich eine Arbeit über Zeit. Fast fotografisch, Schnappschuss gleich, ist der Prozess die physische Oberfläche des Stollenbodens einzufangen - kurz bevor dieser jeglicher Betrachtung auf unabsehbare Zeit entzogen wurde. Im Gegensatz zu diesem steht die eigentliche Herstellung des Abgusses, bei der gemahlener, Millionen Jahre alter Naturstein und Weißglimmer mit beigemischt wurden. Auf diese Weise, wird die menschliche, gleichwohl die geologische Zeit komprimiert und zu einer einzigen visuellen Ebene vereinheitlicht. Hingegen könnte „Momente“ im Titel auch eine Anspielung auf die Idee eines Manövers sein, ein Schritt im Arbeitsablauf oder ein bestimmter Vorgang als Hinweis auf den Prozess von Transformation. Denkt man an vergangene Arbeiten von Low, in der sie verborgene Orte in Gebäuden von öffentlichen Institutionen fotografierte, um die Infrastruktur oder Geschichte hinter der üblichen Sichtweise zum Vorschein zu bringen, ist ein solches Lesen nicht allzu abwegig.
An den Wänden des Skulpturenmuseum Glaskasten hängend, direkt über dem Stollen dessen Zeugnis sie sind, erfolgte eine Transformation der Bodenabgüsse von Arbeitsoberflächen zu kulturellen Artefakten. Dem sonst übersehenem Bereich der Zeche wird ein kultureller Wert angeeignet, Low schickte ihre Abgüsse auf eine ähnliche Reise des Zugewinns an Wert – von dem verborgenen Innern der Erde zur Darstellung von menschlicher Zivilisation – gleich wie die Tonnen an Kohle zuvor aus der Zeche Auguste Victoria geborgen worden waren, als diese noch in Betrieb war.

Heute, spricht man von dem Ende der Ära fossiler Brennstoffe. Jedoch trotzdem schreitet das Paradigma des Abbaus voran, breitet sich ins All und in die Tiefe des Meeresbodens aus, auf der beständigen Suche nach Seltenen Erden und anderen Ressourcen. Zusätzlich wurden im digitalen Zeitalter neue Gebiete zur Ausschöpfung eröffnet, beispielsweise themenbezogenes Data-Mining sowie die Geldschöpfung – „Mining“ – Digitaler Währungen wie Bitcoin. Betrachtet man Lows Bodenmomente unter dem konditionierten Blick des digitalen Zeitalters, ist das Übermaß an Information vergleichbar mit den entzogenen Rohdaten aus den Tiefen des World Wide Webs, die schnell und blind aufgesammelt werden, um später den Grundstock für eine detaillierte Analyse und Auswertung zu liefern.

Unsere heutige Obsession mit dem Digitalen lässt uns leicht vergessen, dass ein Großteil des heutigen Wissens über unsere Vergangenheit auf die Aufzeichnung von Kunstwerken und anderen materiellen Spuren beruht und dies vermutlich ebenso der Fall in Bezug auf unsere eigene Epoche sein wird. Indessen wir uns in endlosen Flüssen flüchtiger Informationen verfangen, wäre es schließlich sinnvoller, sich zu erinnern, dass am Ende unserer Zeit, wir mit großer Wahrscheinlichkeit nicht von unseren Daten überdauert werden, sondern statt derer von den Billionen an Tonnen Plastiks und anderem, nicht zersetzbaren Materials, mit dem wir diese umhüllt hatten. Aus dieser Perspektive, erscheint es plausibel, dass Lows Bodenmomente eines Tages als Karten genutzt werden könnten für die Forscher, die sich in die überschwemmten Schächten der Zeche Auguste Victoria vorwagten. Oder zu guter Letzt als Flaschenpost, die in den zukünftigen Ruinen des Museums hinterlegt sein mögen mit einer Nachricht über das, was in der Tiefe unter ihr zurück gelassen wurde.

übersetzt aus dem Englischen
LISA ROSENDAHL
cataloguetext "The Battle of Coal/Kunst und Kohle", 2018
Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl

Bodenmomente

From a futurologist’s perspective, one thing is certain: at some point, probably many years from now, the Zeche Auguste Victoria coal mine in Marl will be opened once again. We don’t know why, or what our descendants will be looking for, but judging by the course of history so far, we can be sure that someone, for one reason or another, will be drawn to explore the hollowed-out depths we have left behind.

In 2015, just two weeks before the mine was closed for good and placed in a state of indefinite slumber, artist Antonia Low made a series of casts of the mine’s floor. On level 4, at 886 meter’s depth, she spread layers of latex across four sections of the floor’s surface to produce a set of molds, capturing traces of human mining work as well as signs of geological processes. The resulting sculptural documents bear the imprint of rail tracks and left-over debris such as plastic bags, chains and screws, as well as organically shaped stalagmites caused by the cumulative crystallization of dripping saline.

The wealth of information captured in the casts about the site where they were made, appears too complex and arbitrary for the human eye to make sense of. Presented to us with no other narrative than the place and time of their making, they are reminiscent of archaeological objects or forensic evidence yet to be deciphered. Poised between the concretely matter-of-fact and utterly incomprehensible, the sculptures enigmatically suggest they might contain a number of important answers – if only we knew with which questions to interrogate them. This mute promise of prospective readability lends them an air of bypassing the present, speaking of an absent past to a yet unknowable future.

As the title suggests, Bodenmomente (roughly translatable as “floor moments”) is indeed a work about time. The almost photographic, snap-shot like, process of physically capturing the surface of the mine’s floor just before it will be hidden from view for time foreseeable, is counterpointed in the making of the casts with the use of ground, million-year-old, natural stone and muscovite. Thus, human and geological time are compressed and equalized into one visual plane. But the ‘momente’ of the title might also allude to the idea of a maneuver, such as a step in a working process or specific procedure, suggesting a process of transformation. Considering past works by Low, where she has photographed hidden spaces in public institutions, revealing the infrastructure or history behind that which usually comes into view, such a reading does not seem entirely out of place.
When hung on the walls of the Skulpturenmuseum Glaskasten, located directly above the mine they bare record of, the floor casts are transformed from working surfaces into cultural artefacts. Assigning an otherwise overlooked part of the mine with cultural value, Low sends her casts on a similar value adding journey – from the unseen interior of the Earth to the spectacle of human civilization – as the tons of coal previously hoisted out of the Zeche Auguste Victoria when the mine was still operating.

Today, the era of fossil fuels is said to be coming to an end. But the extractive paradigm nevertheless continues to advance, progressing into outer space and down into the deep-sea floor in its incessant search for Rare Earth minerals and other resources. In addition, the digital age has opened up new extractive frontiers, exemplified by data mining as well as mining of digital currencies such as Bitcoin. Looked at with a gaze conditioned by the digital age, the excess of information available in Low’s Bodenmomente is similar to the raw data found in the depths of the World Wide Web, collected briefly and blindly to later serve as the basis for detailed analysis and processing.

Our contemporary obsession with the digital makes it easy to forget that a lot of what we know of the human past has been gleaned from art works and other material traces, and that this will probably be the case also in relation to our own epoch. As we are caught in endless streams of fleeting information, it is worth reminding ourselves that when our time eventually comes to an end, we will most likely not be survived by our data but by the billions of tons of plastic and other indestructible materials we have used to encase it. From this perspective, it seems quite plausible that Low’s Bodenmomente could one day act as maps for explorers braving the flooded tunnels of the Zeche Auguste Victoria mine. Or, at the very least, as a message in a bottle, lodged inside the future ruins of the museum with a message of what remains just below it.

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